War Luther Antisemit?

War Luther Antisemit?

Das deutsch-jüdische Verhältnis als Tragödie der Nähe

Dietz Bering

Luther ist so eng mit der deutschen Geschichte verbunden, dass sein Verhältnis zu den Juden für alle eine schwere Bürde ist. Zur 500-Jahrfeier des Reformationsbeginns werden wir vor tiefen Widersprüchen stehen. 1523 schreibt Luther über die Juden: „Will man ihnen helfen, so muss man ... sie freundlich annehmen, muss sie Gewerbe treiben und arbeiten lassen“ 1543 aber forderte er erschreckende Gewaltmaßnahmen, auf die sich die Antisemiten immer wieder berufen haben: „Zum ersten: dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke ... Zum zweiten, dass man auch ihre Häuser in gleicher Weise zerbreche und zerstöre“.

Der Historiker und Sprachwissenschaftler Dietz Bering wirft gewohnt pointiert und gut lesbar ein neues Licht auf Luthers rätselhaften Wandel vom Judenfreund zum erbitterten Judenfeind. Mittels der Kategorie der Kontrastbetonung findet er zu einer differenzierten Deutung. Das Verhältnis von Luther zu den Juden zeigt sich als „Tragödie der Nähe“: Die reformatorischen Umwälzungen ließen Luther so nah an die Juden heranrücken, dass die alte Distanzstellung aufgehoben war. Aus der bedrohlichen Nähe erwuchsen massive Abgrenzungsreaktionen. Das an Luther gewonnene Modell überträgt der Autor auf die gesamte deutsch-jüdische Geschichte. Die „Tragödie der Nähe“ - ein durchgängiges Strukturmerkmal der deutsch-jüdischen Geschichte?


Autorenporträt

Dietz Bering

Dietz Bering lehrte an der Universität zu Köln historische Sprachwissenschaften. 1981 gehörte er zu den Gründungsfellows des „Wissenschaftskollegs zu Berlin“. Grundlegende Werke: „Der Name als Stigma Alltagsantisemitismus 1812-1933“ (1987), „Kampf um Namen. Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels“ (1991). Bei der BUP sind erschienen „Die Epoche der Intellektuellen. 1889-2001“ (2010) und „Die Intellektuellen im Streit der Meinungen“ (2011)