Interview mit Atle Næss

»Romane sind mit dem Herzen geschrieben, Sachbücher mit dem Gehirn.« – Unser Autor Atle Næss hat sich unseren Fragen gestellt!

VR: Herr Næss, Sie sprechen Deutsch – wo und warum haben Sie Deutsch gelernt?

AN: Na ja, ich habe Deutsch nur drei Jahre in der Schule gelernt, sodass mein Deutsch leider weder grammatikalisch noch, was die Rechtschreibung betrifft, ganz korrekt ist, aber ich versuche gern, es zu sprechen. Ab und an lese ich auch deutsche Romane und Fachbücher.

VR: Sind Sie bereits öfter in Deutschland gewesen?

AN: Ja, ich habe Deutschland oft besucht, wenn auch nicht für längere Aufenthalte. Ich habe zum Beispiel norwegische Freunde, die eine Wohnung in Berlin haben. Als ich an der Munch-Biografie gearbeitet habe, war ich mehrfach in Deutschland, um das Leben und Wirken des Malers dort zu recherchieren und zu dokumentieren – sowie um die Landschaften und Städte zu sehen, an denen er gewirkt und gewohnt hat. Deutschland war übrigens sehr wichtig für Munch als Maler und auch als Mensch.

VR: Worin unterscheiden sich – nach Ihren Erfahrungen – die Norweger von den Deutschen?

AN: Oh, das ist eine schwere und vielleicht auch ein bisschen gefährliche Frage! Ich finde jedenfalls die traditionelle Auffassung von den Deutschen als sehr formell übertrieben. Ich bin in Deutschland immer sehr freundlich empfangen worden. Die Deutschen sind höflich, was man über die Norweger leider nicht generell sagen kann.

VR: Sie schreiben Romane und Sachbücher – was von beidem macht Ihnen tendenziell mehr Spaß?

AN: Ja, wissen Sie, als ich mit dem Schreiben anfing, waren es ausschließlich Romane, sodass dies wohl sozusagen meine Erste Liebe ist. Die Sachbücher kamen dann mehr oder weniger zufällig, meist als Aufträge, dazu. Aber ich merkte schnell, dass es für gut erzählte und recherchierte Sachbücher ein sehr großes Lesepublikum gibt, auch außerhalb Norwegens. Man kann vielleicht sagen: Romane sind mit dem Herzen geschrieben, Sachbücher mit dem Gehirn – und beide Organe sind doch wichtig!

VR: Im September kommt die deutsche Übersetzung Ihrer Munch-Biografie auf den Markt – was fasziniert Sie an Munch und seinem Werk?

AN: Sehr viele Dinge! Edvard Munch hatte keine Begabung für das Glück, darf man wohl sagen. Er war ein einsamer Mensch, er zog sich meistens zurück, wenn andere – besonders Frauen – sich ihm näherten. Man hätte ihm so sehr eine glückliche Liebesbeziehung gegönnt! Trotzdem ist sein Leben spannend, er hat hart gekämpft sowohl gegen äußere Umstände als auch gegen seine inneren Dämonen. Und seine Kunst ist so vielseitig – er ist wirklich viel mehr als der Maler des ikonischen »Schreis«. So ist Munch zum Beispiel ein großartiger Porträtmaler mit feiner psychologischer Einsicht.

VR: Wie kamen Sie auf die Idee, eine Munch-Biografie zu schreiben, was war der Auslöser?

AN: Ursprünglich war es ein Auftrag. Aber es wurde bald zu einer Art Besessenheit, weil es so interessant war. Ich habe zweieinhalb Jahre mit Munch »gelebt«, zuweilen nachts auch von ihm geträumt!

VR: Welches Werk oder welche Schaffensperiode Munchs gefällt Ihnen am besten?

AN: Interessante Frage. Ich möchte gern zwei Perioden hervorheben: Erstens natürlich die aufgeregten 1890er Jahre, in denen er »Der Schrei«, »Madonna« und andere zentrale Werke, seinen sogenannten Lebensfries, schuf. Aber auch die Zeit um 1910, als er mehr »klassisch« arbeitete und unter anderem die große Wandmalerei für die Aula der Universität Oslo malte. Mein persönliches Lieblingsbild ist jedoch »Badende Männer«, ein fast skulpturales, vitalistisches Bild, das männliche Kraft und Stärke feiert. Sehr, sehr unterschiedlich zu dem angstvollen »Schrei«. Aber auch das ist Munch!

VR: Ist Munch Ihr Lieblingskünstler?

AN: Nun ja, ich schätze ihn sehr, bin aber wohl vielleicht noch mehr fasziniert von den großen Renaissance-Künstlern. Es gibt so viele Große unter ihnen, aber ein Favorit ist der Frührenaissance-Maler Piero della Francesca.

VR: Was reizt Sie am Schreiben?

AN: Erstens das Gefühl, dann und wann einen wirklich guten Satz, eine gelungene Metapher oder einen überraschenden Übergang zu erschaffen, kurz das Handwerk zu beherrschen, ein Fachmann zu sein. Aber generell gibt mir das Schreiben eine Illusion von Freiheit, dass ich mein eigener Herr bin. Es ist natürlich eine Illusion, es gibt ja immer Verpflichtungen und Termine …

VR: Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

AN: Leider sehr normal! Früh aufstehen, um die besten Stunden des Tages zum Schreiben zu nutzen, dann am Nachmittag lesen, E-Mails beantworten und so etwas.

VR: Was machen Sie bei Schreibblockaden?

AN: Die kommen immer – und haben mir früher viel Angst bereitet. Jetzt weiß ich aber, dass man nur warten und etwas tun muss, das die Gedanken auf andere Wege führt, zum Beispiel einen Spaziergang machen. Oder noch besser – Ski laufen, wenn es Winter ist!

VR: Woher bekommen Sie Inspiration?

AN: Vom Lesen, von Gesprächen und Observationen, natürlich auch Introspektion … Aber Schreiben ist vielleicht 10 Prozent Inspiration und 90 Prozent harte Arbeit. Es sind die langen Stunden vor dem Computer, in denen ein Buch schließlich entsteht.

VR: Haben Sie Vorbilder in Bezug auf das Schreiben?

AN: Sowohl bei Roman- als auch Sachbuchverfassern mag ich am meisten diejenigen, die viel Wissen mit einer reizenden Erzählung verbinden können. Unter sehr, sehr vielen Namen möchte ich vielleicht zwei nennen: Günter Grass und den schwedischen Historiker Peter Englund.

VR: Was lesen Sie privat?

AN: Ach, für einen professionellen Schriftsteller gibt es leider nicht mehr das Vergnügen des »privaten« Lesens. Man versucht immer, etwas vom Lesen zu lernen – notfalls wie man nicht schreiben sollte!

VR: Herr Næss, vielen Dank für das Gespräch!

 

Atle Næss
Mit Atle Næss hat sich ein erfahrener Autor und Kunstkenner dem Leben und Wirken seines Landsmanns angenommen und die erste moderne Biografie über das lange Leben und die einzigartige Karriere Edvard Munchs vorgelegt. 1949 geboren, zählt Atle Næss heute zu den renommiertesten Autoren Norwegens, der seit seinem Debüt 1975 zahlreiche von Kritikern gelobte Bücher geschrieben hat. Dazu gehören sowohl Romane als auch Sachbücher. Für seine Biografie über Galileo Galilei wurde er 2001 mit dem norwegischen Bragepreis ausgezeichnet. 2014 erschien in Norwegen seine Biografie über Leonardo da Vinci, die 2016 auch in deutscher Sprache erscheinen wird.

Edvard Munch. Eine Biografie in der Übersetzung von Daniela Stilzebach erscheint im September 2015.

Lesereise von Atle Næss
Gemeinsam mit Daniela Stilzebach wird Atle Næss im Oktober auf Lesereise in Deutschland sein. Die Termine:
Montag, 19. Oktober 2015: Deutsch-Norwegische Gesellschaft, Bonn
Dienstag, 20. Oktober 2015: Nordeuropa-Institut, Humboldt Universität Berlin
Mittwoch, 21. Oktober 2015: Museum Behnhaus Drägerhaus Lübeck

Genauere Daten zu den Lesungen werden wir zeitnah auf unserer Homepage und auf Facebook zur Verfügung stellen.