Interview mit Corinna Popp

Unsere Übersetzerin Corinna Popp hat sich unseren Fragen gestellt. Herausgekommen ist ein spannendes Interview zum französischen Sprachfluss, zur Suche nach dem Verb im deutschen Satz – und zum Theater.

VR: Frau Popp, sicher eine Standard-Frage, aber: War Übersetzerin schon immer Ihr Traumberuf?

CP: Nein, auf die Idee bin ich erst an der Uni gekommen. Einige meiner Professoren haben am Theater gearbeitet und waren gleichzeitig auch Übersetzer. Aber ich konnte schon als Kind viel Zeit allein mit Büchern verbringen.

VR: Wie kam es zu der interessanten Studienfach-Kombination aus »Bühnenkünste« und »Deutsche Sprachwissenschaft«?

CP: »Bühnenkünste« ist eine wörtliche Übersetzung von »Arts du spectacle«, damit habe ich in Paris mein Studium angefangen. Ich wollte Theater machen, aber nach zwei Jahren hat mir die deutsche Sprache gefehlt. Außerdem konnte ich mich schon immer schwer für etwas entscheiden, deswegen habe ich dann einfach beides gemacht – das Übersetzen hatte ich da schon im Hinterkopf.

VR: Theater in Frankreich – Theater in Deutschland. Gibt es Unterschiede?

CP: Ja, riesige. Alle Unterschiede gehen darauf zurück, dass man in Deutschland ein festes Ensemble an einem Haus hat, die Regisseure aber frei sind, und in Frankreich eine vom Haus unabhängige Truppe aus Schauspielern und Regisseur. Ich neige dazu, in Frankreich alles besser zu finden, z. B. den Zusammenhalt in der Truppe, die weniger mit Hierarchien zu tun hat … Und trotzdem ist das deutsche Stadttheater ein großartiger Apparat, eben weil es auch eine Institution ist. Es darf nur nie selbst aufhören, seine Strukturen zu hinterfragen.

VR: Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

CP: Ich bin jemand, der den Abgabedruck braucht. Wenn der groß genug ist, ist alles gut und ich kann von früh bis spät am Schreibtisch sitzen. Zuerst fand ich die Einsamkeit aber unerträglich. Es gibt immer noch Zeiten, da halte ich es nicht aus und renne in die Bibliothek, nur um unter Leuten zu sein.

VR: Was reizt Sie am Übersetzen?

CP: Eigentlich das, was mich auch daran stört: Dass man quasi alles allein entscheidet, im Unterschied zum Theater. Das Schöne am Übersetzen ist, dass man sich irrational darauf verlassen kann, dass es am Ende »aufgeht«. Man setzt sich hin und liest und arbeitet und am Ende löst sich etwas ein. Man versteht einen Text – manchmal ganz plötzlich und erst nach wochenlanger Arbeit.

VR: Wo sind Schwierigkeiten beim Übersetzen, gerade aus dem Französischen ins Deutsche?

CP: Für mich ist das der berühmte französische Sprachfluss, bei dem ein Gedanke erst aus dem vorherigen entsteht. Auf Französisch hat man ja immer gleich das Verb und dann kann der Satz ellenlang weitergehen, den Anfang kann man oft schon wieder vergessen, während man im Deutschen noch aufs Verb wartet … Aber nicht nur das Verb, auch die Stellung von Adjektiven hat damit zu tun, von Orts- und Zeitangaben usw. Man kann darüber streiten, was zuerst da war: eine bestimmte Art zu Denken oder eine grammatikalische Satzstruktur.

VR: Haben Übersetzer auch Schreibblockaden?

CP: Ich würde sagen, ja. Schreib- und Denk- und Arbeitsblockaden.

VR: Welchen Fehler sollten Übersetzer nicht machen?

CP: Denken, man würde immer das Arbeitspensum schaffen, das man sich pro Tag vorgenommen hat. Ich plane ständig zu wenig Puffer ein.

VR: Haben Sie Vorbilder bzgl. des Übersetzens?

CP: Ja, mehrere. Allen voran mein Professor Eloi Recoing. Er ist einer der französischen Kleist-Übersetzer und durch ihn habe ich verstanden, was Übersetzen bedeutet, gerade für die Bühne: Nämlich, dass man nicht nur übersetzen muss, wie ein Autor denkt, was ich eben meinte, sondern auch, wie er atmet.

VR: Was lesen Sie privat? Lesen Sie auf Deutsch oder Französisch?

CP: Beides. Aber ich lese fast nur Sachen, die mit den Texten zu tun haben, an denen ich arbeite. Im Zusammenhang mit dem Essay von Schiffter habe ich von Freud Das Unbehagen in der Kultur gelesen. Wenn ich Zeit habe, lese ich – zum Lernen – neue deutsche Übersetzungen von französischen Klassikern, zuletzt Balzacs Verlorene Illusionen von Melanie Walz. Als nächstes stehen die Bücher von Pierre Guyotat auf der Liste, die Holger Fock übersetzt hat.

VR: Welches Buch würden Sie sich nie trauen zu übersetzen?

CP: Ich finde prinzipiell, man kann sich alles zutrauen, wenn man in einem Text etwas sieht, auch wenn man manchmal nicht weiß, was. Man braucht nur für manches mehr Zeit. Und man darf nicht verzweifeln.

VR: Welches Buch würden Sie gern einmal übersetzen?

CP: Ich will schon seit langem eine Textauswahl von Antoine Vitez übersetzen. Vitez ist ein Regisseur, der 1990 gestorben ist, aber das französische Theater bis heute prägt. Er hat einen Haufen großartiger Texte zum Theater und auch Gedichte geschrieben, von denen noch nichts auf Deutsch erschienen ist.

VR: Frau Popp, vielen Dank für das Gespräch.

Corinna Popp studierte an der Sorbonne Nouvelle – Paris III »Arts du spectacle« und »Deutsche Sprachwissenschaft«. Nach ihrem Master arbeitete sie als Dramaturgin mit der französischen Compagnie »le d’ores et déjà« und von 2008 bis 2011 als Regieassistentin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Dort realisierte sie erste Regiearbeiten und leitete mehrere Jugendprojekte. Seit Anfang 2012 arbeitet sie frei als Übersetzerin aus dem Französischen und als Regisseurin.

Im Oktober erscheint in der Berlin University Press Frédéric Schiffters Über das Blabla und das Chichi der Philosophen in der Übersetzung von Corinna Popp.

In der Übersetzung von Corinna Popp ist im marixverlag bereits erschienen: Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz und Die Erde der Menschen.