Interview mit Arnulf Krause

Arnulf Krause, Autor des marixwissen-Bands Die Götter und Mythen der Germanen, hat sich unseren Fragen gestellt – und verrät uns Orte, an denen noch heute Spuren der Germanen zu entdecken sind.

VR: Herr Prof. Dr. Krause, Sie forschen, lehren und schreiben unter anderem zu den Germanen. Was fasziniert Sie an den germanischen Völkern?

AK: Als Germanist, also Fachmann für deutsche Sprache und Literatur, habe ich grundsätzlich ein enges Verhältnis zum Germanischen – also zu modernen germanischen Sprachen (Deutsch, die meisten skandinavischen Sprachen, Englisch, Niederländisch u. a.) und insbesondere zu den historischen Sprachen wie Gotisch, Althochdeutsch, Altnordisch u. a. Über Sprache und Literatur (von den altisländischen Eddas bis zum Nibelungenlied) erschließt man sich die Kultur und Geschichte der germanischen Völker im 1. Jahrtausend nach Chr. Das Faszinierende: Sprachlich ist das Germanische bis heute präsent und die Germanen gelten als Vorfahren der Deutschen, Skandinavier usw. Und dabei entpuppen sie sich als Menschen im Übergang, die sich aus einer recht primitiven Stammeskultur vor allem unter römischem Einfluss entwickeln. Sie eignen sich die Hochkultur des Südens allerdings nicht einfach an, sondern geben ihr eine ganz eigene spezifische Form. Sie mischen ihr Erbe mit solchen Neuerungen, was über die Jahrhunderte ein ungeheuer spannender Prozess ist. Einige Beispiele: Arminius (»Hermann der Cherusker«) besiegte die römischen Legionen in der legendären »Schlacht im Teutoburger Wald« 9 nach Chr. vernichtend, war aber alles andere als ein wilder Barbar, sondern Offizier in römischen Diensten, der die lateinische Sprache beherrschte und sich von Rom durchaus inspirieren ließ. Oder die germanischen Schriftzeichen der Runen, die in jener Zeit nach dem Vorbild norditalienischer Alphabete bzw. des Lateinischen regelrecht erfunden wurden. Karl der Große schließlich, der sein Alltagsleben noch nach fränkisch-germanischer Tradition gestaltete, ließ sich 800 in Rom vom Papst zum Kaiser krönen und erneuerte damit das Römische Reich.

VR: Ihre weiteren Forschungsschwerpunkte sind das Mittelalter, die Kelten und Wikinger. Wie kommt es zu genau dieser Mischung?

AK: Die Geschichte der Germanen ragt weit in die Epoche des Mittelalters hinein und prägt insbesondere das frühe Mittelalter. Außerdem gilt: Wer sich mit germanischer Kultur beschäftigt, hat es auch mit vielen mittelalterlichen Quellen zu tun, wozu etwa die isländischen Eddas gehören und germanische Heldensagen wie die der Nibelungen und Dietrichs von Bern. Da sind die Übergänge vom Germanischen zum Mittelalterlichen also fließend. Das gilt auch für die Wikinger, die als heidnische Nordgermanen des 8. bis 11. Jahrhunderts als die letzten Germanen bezeichnet werden können. Ein Beispiel: Ohne die Zeugnisse der altnordischen Mythologie der Wikinger wüssten wir sehr wenig von der gesamten germanischen Religion. Und die Kelten? Als Nachbarn der Germanen und insbesondere der Wikinger (da etwa die Iren) stehen sie der germanischen Geschichte nahe, außerdem faszinieren mich die Äußerungen der keltischen Kultur und Mythologie, die sowohl Nähe zu den Germanen als auch deutliche Unterschiede aufweisen.

VR: Sie sind Professor für Skandinavistik und Ältere Germanistik. Sind Sie oft in Skandinavien?

AK: Sporadisch, wenn es Termine gebieten, und bei Austellungen und dergleichen. Ich habe allerdings kein Ferienhaus auf Öland oder in den norwegischen Fjorden, sondern bevorzuge mitteleuropäische Stadturlaube.

VR: Wo herrscht noch heute der Einfluss der Germanen?

AK: Die Spuren germanischer Völker sind häufiger, als man wohl gemeinhin denkt. Dazu gehören Landesnamen wie Frankreich (Franken), England (nach den eingewanderten Angeln aus dem Schleswiger Raum) und fremdsprachige Bezeichnungen Deutschlands (französisch Allemagne nach den Alemannen, englisch Germany!); die Namen deutscher Stämme wie Alemannen, Schwaben, Bayern, Sachsen, Thüringer, Franken, Hessen (nach den Chatten). Germanischsprachige Wochentagsnamen gehen auf sehr alte Benennungen nach germanischen Gottheiten zurück, etwa englisch Wednesday »Wodanstag«, deutsch Donnerstag »Donarstag« und Freitag als Tag der Göttin Frija. Außerdem sprechen viele europäische Völker germanische Sprachen (vgl. oben), deren Wortschatz teils weit in die Vergangenheit zurückreicht. Auch historische Gestalten erinnern uns an die Germanen, dazu gehört natürlich Karl der Große als »Vater Europas«. Um 1900 erfreuten sich Skandinavien und die altnordische Überlieferung Islands in Deutschland großer Beliebtheit. Deswegen griff man gern auf deren Motive zurück. Zwei Beispiele: Das Essener Museum Folkwang ist nach dem mythischen Hof der Liebesgöttin Freyja benannt; der Versicherungsname Iduna erinnert an Idun, die Göttin ewiger Jugend (für eine Versicherung keine schlechte Wahl!). Und unser bis heute populäres Nibelungenlied aus der Zeit um 1200 geht letztlich auf germanische Heldensagen und Geschehnisse der Völkerwanderungszeit und des frühen Mittelalters zurück, denen man später ein höfisch-hochmittelalterliches Gewand verpasst hat.

VR: Gibt es in Deutschland Orte germanischen Ursprungs, die Leser Ihres marixwissen-Bands unbedingt besuchen sollten?

AK: Das mit dem germanischen Ursprung ist so eine Sache, da die einfachen Gehöfte und Dörfer längst vergangen sind und archäologische Ausgrabungen für Laien nicht sehr viel hergeben. Was Anschaulichkeit betrifft, sind wir auf Freilichmuseen und ähnliches angewiesen. Außerdem gilt es zu beachten, dass Germanisches nicht immer mit dieser Bezeichnung etikettiert wird, sondern nach den diversen Stammesnamen. Daraus ergibt sich eine Fülle von Tipps, aus denen ich eine zugegebenermaßen subjektive Auswahl treffe: Eine frühe germanische Kernlandschaft in Deutschland stellt zweifelsohne das heutige Schleswig-Holstein dar mit dem benachbarten dänischen Jütland. Da wäre an erster Stelle Schloss Gottorf in Schleswig zu nennen mit seinem Archäologischen Landesmuseum. Dort finden sich etliche Objekte, die ich in meinem Buch anspreche, so das beeindruckende Nydam-Boot, die Holzidole von Braak, Moorleichen und vieles mehr. Weiterhin lohnt sich in Schleswig ein Ausflug ins Wikinger-Museum Haithabu mit seinen Wikingerschiffen. Nördlich davon können Sie sich von der Landschaft Angeln germanisch »inspirieren« lassen, etwa vom heute unscheinbaren Thorsberger Moor, das der wichtigste Opferplatz der Angeln war, bevor sie im 5. Jahrhundert nach England auswanderten. Im benachbarten Niedersachsen (nach dem germanischen Stamm der Sachsen benannt und nicht mit dem Freistaat Sachsen um Dresden und Leipzig zu verwechseln) lohnt nahe Bremerhaven ein Besuch des Museums Burg Bederkesa in Bad Bederkesa mit bedeutenden germanischen Funden, darunter ein »Häuptlingsthron« und Funde der Siedlung Feddersen Wierde. Weiter zum Teutoburger Wald in Nordrhein-Westfalen (die Westfalen stellen übrigens einen Teilstamm der germanischen Sachsen dar), den geradezu germanisches Fluidum umgibt. Hieß dieser Höhenzug doch ursprünglich Osning und wurde erst im 17. Jahrhundert nach einer Ortsangabe des Römers Tacitus benannt. Dort soll demnach die berühmte Arminius-Varus-Schlacht des Jahres 9 stattgefunden haben (mittlerweile wird sie bei Kalkriese nahe Osnabrück lokalisiert – auch dies ein Ausflugstipp). Der Teutoburger Wald hat, obwohl zweifellos altes germanisches Gebiet, viel mit dem deutschen Wunsch des 19. Jahrhunderts zu tun, ein national-germanisches Herzgebiet zu finden oder zu schaffen. Besuchenswert unter diesem Aspekt sind das Hermannsdenkmal bei Detmold, die sagenumwobenen Externsteine ganz in der Nähe und das archäologische Freilichtmuseum Oerlinghausen, eines der ältesten seiner Art (was Germanen betrifft), in den 1930er Jahren gegründet und darum ideologisch lange belastet. Noch ein Blick ins Rheinland, das ja nicht als germanisches Heimatgebiet gilt. Dort zu empfehlen sind u. a. das Römisch-Germanische Museum in Köln und die Rheinischen Landesmuseen in Bonn und Trier. Weiterhin hat jede Region einen anderen Zugang zu ihrem germanischen Erbe, so der Südwesten zu den Alemannen, die Bayern zu den Bajuwaren usw. Die Spuren der Germanen finden sich überall in Deutschland (und weit darüber hinaus), sei es in Museen, Freichlichtmuseen, sogar in populären Veranstaltungen mit Reenactmentgruppen.

VR: Wie viel »Germanisches« steckt in unserer Literatur, z. B. im Herrn der Ringe, der ja ein ganzes literarisches Genre geprägt hat?

AK: Ganz pauschal gesehen müßte sich die Antwort über Bibliotheken erstrecken. Das fängt bereits mit der genannten hoch- und spätmittelalterlichen Literatur an, nämlich vor allem mit der Heldendichtung. Später hat man sich immer wieder germanischer Stoffe angenommen, so gerade in Deutschland des »Volkshelden« Arminius in der Barockliteratur bis zur Romantik, etwa in Kleists Hermannschlacht. Im 19. Jahrhundert entdecken Deutsche, Engländer, Skandinavier ihr germanisches Erbe insbesondere über die altisländische Überlieferung. Paradetext: Wagners Ring des Nibelungen. Und die Fantasy-Literatur des 20. Jahrhunderts rezipiert sehr stark die nordgermanische Überlieferung, Tolkien (ein wissenschaftlicher Kenner altgermanischer Sprachen und Literatur) weist da auch künstlerisch ein hohes Niveau vor.

VR: Was war typisch »germanisch«, vielleicht im Vergleich zu den Römern?

AK: Um einige herausragende Aspekte zu nennen: Die Germanen zeichnen sich durch eine materiell »unterentwickelte« Randkultur aus, die in der Nachbarschaft zu einer Hochkultur (vor allem Rom) existiert. Sie pflegen eine einfache Agrarwirtschaft ohne Münzverkehr und ohne komplexe gesellschaftliche Strukturen (dagegen die urbanen mediterranen Kulturen). Sie leben zumeist als Bauern unter einer adligen Führungsschicht; das Ideal des Kriegerischen war sehr ausgeprägt – bereits Caesar nahm Germanenkrieger in seine Dienste. Die Germanen kannten niemals ein eigenes Imperium wie Rom, sondern bestanden aus zahlreichen Völkerschaften, die sich jedoch im Laufe ihrer Geschichte zu Stämmen und Großstämmen bündelten – zu letzteren wären die Franken, Alamannen und Sachsen zu zählen. Die Germanen haben kein ausgeprägtes ethnisches Identitätsbewusstsein gepflegt, was ohnehin ein sehr modernes Phänomen darstellt. Das heißt, Assimilation und Akkulturation sind zwei Schlüsselwörter ihres Verständnisses. Beispiele: Die germanischen Vorfahren der Kölner sind die Ubier, die von den Römern aus der rechtsrheinischen Taunusgegend umgesiedelt wurden. Im Kölner Raum werden sie in wenigen Jahrzehnten zu »römischen Germanen«, die die Vorteile gepflegter Stadtkultur sehr zu schätzen wissen. Ein 900 Jahre jüngeres Beispiel: Skandinavier siedeln sich in der französischen Normandie an, die ja nach den »Normannen« (Nordmännern) benannt ist; schon bald sprechen sie französisch und sind Christen.

VR: Spontan und in drei Sätzen (wenn möglich): Was sind die Grundzüge der germanischen Religion?

AK: 1. Polytheismus (Wodan, Donar und zahlreiche weibliche Gottheiten). 2. Religion als gemeinschaftsbezogene Opferpraxis, weniger als persönlich individueller Glaube, der auswechselbar war. 3. Keine fest etablierte Jenseitsvorstellung über das Leben nach dem Tod.

VR: Hätte die Religion der Germanen in der Gegenwart noch einen Platz?

AK: In der Gegenwart unserer westlichen Welt hat gottseidank vieles Platz, was den Mitmenschen nicht schadet und nicht gegen Recht und Ordnung verstößt. Insofern gibt es neuheidnische Gruppen, die den alten Asengöttern treu bleiben möchten. Auf Island ist die vorchristliche Religion sogar staatlich anerkannt – Massen zieht sie auch dort nicht an. Den individuellen Glauben will ich hier gar nicht beurteilen. Es gilt allerdings: Die Religion der Germanen ist eine historische Religion, deren religiöse Praxis seit 1000 Jahren (!) verschwunden ist. Trotz der reichen Überlieferung, aus der ich in meinem Buch schöpfen kann, wissen wir nur bruchstückhaft, wie das religiöse Leben und Empfinden der Germanen war. Man kann also nur rekonstruieren, die authentische Religion ist für immer dahin.

VR: Was können wir uns von den Germanen – auch wenn es sie nicht mehr gibt – abgucken?

AK: Eine problematische Frage, die enorme ideologische Belastungen mit sich führt. Denn was wollte man im Laufe der Geschichte den Germanen nicht alles abgucken: Für Tacitus waren sie edle Wilde, deren Vorbild er seinen dekadenten Römern vor Augen führen wollte. Für die deutschen Humanisten des 15./16. Jahrhunderts waren sie die »ersten Deutschen«, denen deutsche Grundtugenden wie Treue unterstellt wurden. Daran knüpfte die völkische Bewegung um 1900 an und machte sie zu reinrassigen arischen Blondköpfen, mit grausamsten Auswirkungen unter der NS-Diktatur. Und heute? Ich versuche mal, sie als ganz zeitnahes »Vorbild« dafür zu nehmen, wie man »Fremde« in seiner Gesellschaft integrieren kann. Das konnten sie nämlich auch. Aber natürlich hinken solche historischen Vergleiche immer!

VR: Nun noch einige persönliche Fragen: Sie sind vielbeschäftigter Autor und Professor. Was macht Ihnen bzgl. der Forschungsvermittlung mehr Spaß: Schreiben oder die Lehre?

AK: Die konzentrierte Arbeit am Schreibtisch, vielmehr PC, sehe ich als mein Kerngeschäft an. Sie birgt die Vor- und Nachteile, die jeder Schreibende kennt. Und die reichen vom Glücksgefühl, ein Manuskript (oder ein Interview) abgeschlossen zu haben, bis zum Horror vor dem leeren Blatt. Dazu stellt die Lehre einen zumeist erfreulichen Kontrast dar, insofern man Stoff unmittelbar vermitteln kann und entsprechende Rückmeldungen erhält. Ich unterrichte zudem kein Massenfach und habe es üblicherweise mit hochinteressierten und motivierten Studierenden zu tun.

VR: Haben Sie Vorbilder in Bezug auf das Schreiben?

AK: In meiner Jugend hat mich zweifelsohne Rudolf Pörtner mit seinen Sachbüchern inspiriert. Eigentliche Vorbilder habe ich aber nicht. Hingegen lasse ich mich von der Maxime leiten, wissenschaftlich fundiert und so verständlich wie möglich zu schreiben.

VR: Was lesen Sie privat?

AK: Als Philologe der Fächer Germanistik und Skandinavistik liest man quasi unaufhörlich, weil es schlichtweg die Haupttätigkeit darstellt. Auch da habe ich Favoriten. Aber als ganz privater Entspannungsleser – feste Grenzen kann ich ohnehin nicht ziehen – bin ich ausgesprochener Wiederholungsleser. Das betrifft insbesondere die Maigret-Krimis von Georges Simenon, aber auch andere Paris-Krimis wie die von Fred Vargas. Zudem greife ich immer wieder zu Tolkiens Werken, denen ich seit langem so verbunden bin, dass keine andere Fantasy-Literatur ihm Konkurrenz bereiten könnte. Ich hab´s mal mit George Martins Game of Thrones versucht, orientiere mich da aber mittlerweile an der TV-Serie. Wenn mir das Lesen und TV-Schauen zu viel wird, greife ich auf meine Comic-Alben zurück, da bin ich ausgesprochener Tim und Struppi-Fan.

VR: Herr Prof. Dr. Krause, vielen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Arnulf Krause promovierte 1989 und lehrt als Honorarprofessor Skandinavistik und Ältere Germanistik an der Universität Bonn. Als Autor zahlreicher Sachbücher ist er Experte für die Geschichte der Germanen, Wikinger, Kelten, des Mittelalters, der Mythologie und Heldensagen.